Die deutsche Sprache bietet viele sprachliche Schätze, und Januswörter gehören zu den besonders spannenden Phänomenen. Denn diese Wörter besitzen zwei, teils gegensätzliche Bedeutungen und sorgen oft für Verwirrungen.
Hast du dich schon einmal gewundert, warum manche Wörter genau das Gegenteil von dem bedeuten können, was du eigentlich meinst? Diese sprachlichen Chamäleons nennt man „Januswörter“ – benannt nach dem römischen Gott Janus, der mit seinen zwei Gesichtern gleichzeitig in die Vergangenheit und die Zukunft blickte.
Was sind Januswörter?
Januswörter (auch „Auto-Antonyme“ oder „Contronyme“ genannt) sind Wörter, deren Bedeutungen einander entgegengesetzt sind. Ein bekanntes Beispiel ist das Wort „aufheben“. In einem Kontext bedeutet es, etwas beizubehalten oder zu retten, in einem anderen wird damit das Aufheben eines Gesetzes oder Vertrages, also das Abschaffen, ausgedrückt.
Diese Doppeldeutigkeit entsteht häufig durch den Wandel der Sprache, in dem sich ursprünglich verwandte Bedeutungen im Laufe der Zeit auseinanderentwickeln. Dieses Phänomen findet sich nicht nur in der Alltagssprache, sondern auch in Fachbereichen und in der Literatur.
Beispiele für Januswörter
Deutsche Januswörter im Alltag
übersehen
- „Ich habe seinen Fehler übersehen.“ (bewusst ignoriert)
- „Ich habe die rote Ampel übersehen.“ (nicht bemerkt)
ausleihen
- „Ich leihe dir mein Buch aus.“ (geben)
- „Ich leihe mir deinen Stift aus.“ (nehmen)
umfahren
- „Ich umfahre das Hindernis.“ (ausweichen)
- „Ich umfahre den Pfosten.“ (gegen etwas fahren)
aufheben
- „Ich hebe den Brief für dich auf.“ (bewahren)
- „Das Gericht hat das Urteil aufgehoben.“ (ungültig machen)
teilen
- „Den Kuchen teilen“ (zerlegen)
- „Freude teilen“ (vervielfältigen)
Situationsabhängige Januswörter
abstauben
- „Die Regale abstauben“ (Staub entfernen)
- „Ein Schnäppchen abstauben“ (ergattern)
anlegen
- „Ein Beet anlegen“ (erschaffen)
- „Das Schiff hat angelegt“ (anhalten)
anstellen
- „Den Motor anstellen“ (aktivieren)
- „Sich dumm anstellen“ (verhalten)
abschließen
- „Die Tür abschließen“ (verschließen)
- „Ein Projekt abschließen“ (beenden)
durchgehen
- „Ich muss den Text noch durchgehen.“ (überprüft werden)
- „Das Pferd ist durchgegangen.“ (davongelaufen)
Zeitbezogene und quantitative Januswörter
knapp
- „Knapp daneben“ (fast)
- „Knappe Ressourcen“ (wenig)
gerade
- „Das ist gerade passiert“ (eben erst)
- „Das dauert gerade eine Stunde“ (genau)
verschlissen
- „Der Stoff ist verschlissen“ (abgenutzt)
- „Er hat viel Energie verschlissen“ (verbraucht)
weit
- „Er ist weit gekommen“ (große Strecke)
- „Das ist weit übertrieben“ (sehr)
billig
- „Ein billiges Angebot“ (günstig)
- „Ein billiger Trick“ (minderwertig)
Widersprüchliche Handlungen
entstellen
- „Den Text entstellen“ (verunstalten)
- „Den Sachverhalt entstellen“ (falsch darstellen)
abklopfen
- „Die Wand abklopfen“ (auf etwas untersuchen)
- „Den Schmutz abklopfen“ (entfernen)
abnehmen
- „Ein Paket abnehmen“ (entgegennehmen)
- „Gewicht abnehmen“ (verlieren)
aussetzen
- „Den Unterricht aussetzen“ (unterbrechen)
- „Ein Kind aussetzen“ (zurücklassen)
verlesen
- „Die Namen verlesen“ (vorlesen)
- „Sich verlesen“ (falsch lesen)
Sprachübergreifende Januswörter
sanktionieren
- „Eine Handlung sanktionieren“ (genehmigen)
- „Ein Land sanktionieren“ (bestrafen)
stücken
- „Etwas zusammenstücken“ (verbinden)
- „Etwas zerstücken“ (zerteilen)
scharf
- „Ein scharfes Messer“ (gut schneidend)
- „Ein scharfes Foto“ (klar, deutlich)
überhören
- „Eine Bemerkung überhören“ (nicht hören)
- „Eine Prüfung überhören“ (beaufsichtigen)
Januswörter zeigen die Vielseitigkeit unserer Sprache. Der Kontext ist entscheidend, um die jeweilige Bedeutung zu verstehen. Achte beim Sprechen und Schreiben auf mögliche Missverständnisse durch diese zweiseitigen Wörter. Im Zweifelsfall hilft eine Umformulierung oder eine kurze Erklärung, um Klarheit zu schaffen.