Unser Bindungstyp beeinflusst maßgeblich, wie wir Beziehungen gestalten und erleben. Während der sichere, ängstliche und vermeidende Bindungsstil relativ bekannt sind, sieht es bei der desorganisierten Bindung anders aus. Was steckt also dahinter? Die Paartherapeutin Birgit Fehst erklärt in ihrem Buch „Harte Wahrheiten aus dem Leben einer Paartherapeutin“, dass es sich – anders, als viele annehmen würden – nicht einfach um eine Mischform aus ängstlich und vermeidend handelt: „Es ist in der Regel ein sehr angstbasiertes Verhalten, noch stärker als beim ängstlichen Bindungsstil, und der unsicherste aller unsicheren Bindungsstile.“
Welche Anzeichen genau auf einen desorganisierten Bindungsstil hindeuten könnten, warum Menschen ihn entwickeln und wie er sich auf Beziehungen auswirken kann, erfährst du hier.
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#1 Du schwankst zwischen extremer Nähe und Distanz
In Beziehungen fühlst du dich wie auf einer emotionalen Achterbahn. Mal sehnst du dich nach intensiver Nähe, dann wieder schottest du dich komplett ab. „Ein stetes ‚Komm her, geh weg‘“, beschreibt es Birgit Fehst. Diese Extreme wechseln sich oft schnell und scheinbar grundlos ab, was für dich selbst, vor allem aber auch für deinen Partner oder deine Partnerin sehr verwirrend sein kann.
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#2 Konflikte lösen starke Angst bei dir aus
Wenn es in deinen Beziehungen zu Auseinandersetzungen kommt, überkommt dich eine lähmende Angst. Du fühlst dich hilflos und unfähig, angemessen zu reagieren. Oft führt das dazu, dass du entweder erstarrst oder übermäßig emotional reagierst.
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#3 Du hast Schwierigkeiten, deine Gefühle einzuordnen
Deine Emotionen erscheinen dir oft wie ein Wirrwarr. Du kannst schlecht benennen, was du fühlst, und noch weniger, woher diese Gefühle kommen. Das macht es für dich schwierig, angemessen auf Situationen zu reagieren oder anderen deine Bedürfnisse mitzuteilen.
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#4 Dein Selbstbild schwankt stark
An manchen Tagen fühlst du dich selbstbewusst und wertvoll, an anderen völlig wertlos. Dieses instabile Selbstbild macht es dir schwer, konstante und gesunde Beziehungen aufzubauen. Du zweifelst oft an dir und dementsprechend auch an deinem Wert für andere.
Was kostet eigentlich eine Paartherapie?
Auf welche Kosten du dich einstellen musst, zeigen wir dir im Video.
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#5 Du hast große Vertrauensprobleme
Vertrauen ist für dich ein kompliziertes Thema. Einerseits sehnst du dich danach, jemandem vollkommen zu vertrauen, andererseits hast du große Angst vor Verletzungen. Diese Ambivalenz führt oft dazu, dass du Menschen auf Abstand hältst oder in Beziehungen misstrauisch bleibst.
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#6 Deine Beziehungen sind oft chaotisch und intensiv
Wenn du auf deine bisherigen Beziehungen zurückblickst, erkennst du möglicherweise ein Muster von Chaos und Intensität. Deine Partnerschaften sind geprägt von Höhen und Tiefen, plötzlichen Trennungen und Wiedervereinigungen. Diese Dynamik ist für dich ebenso aufreibend wie faszinierend.
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#7 Du neigst zu impulsivem Verhalten
Unter Stress oder in emotional aufgeladenen Situationen reagierst du oft impulsiv und unüberlegt. Du könntest dich dabei in riskante Situationen begeben oder Dinge tun, die du später bereust. Diese Impulsivität ist ein Versuch, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen. „Desorganisierte können den anderen aus Angst auch mal heftig wegstoßen und sich impulsiv trennen, weil sie es nicht mehr aushalten. Nähe fühlt sich in solchen Momenten nicht gut an, das Getrenntsein aber auch nicht“, so die Paartherapeutin.
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#8 Es fällt dir schwer, über deine Vergangenheit zu sprechen
Wenn es darum geht, über deine Kindheit oder vergangene Beziehungen zu sprechen, fühlst du dich unwohl. Deine Erinnerungen sind oft bruchstückhaft oder verworren. Es fällt dir schwer, eine zusammenhängende Geschichte deiner Vergangenheit zu erzählen, was ein Hinweis auf unverarbeitete traumatische Erfahrungen sein kann.
Woher kommt der desorganisierte Bindungsstil?
Ein desorganisierter Bindungsstil entwickelt sich oft als Reaktion auf traumatische Erfahrungen oder inkonsistente Beziehungen in der Kindheit. Laut Birgit Fehst hatten Menschen mit einer desorganisierten Bindung häufig „keine Gelegenheit, eine wirkliche Verbundenheit zu ihren Eltern aufzubauen“. Es gibt Fälle, in denen Missbrauch eine Rolle spielt, das muss allerdings nicht der Fall sein. „Kleine Kinder können ohne die Eltern nicht überleben, deshalb ‚dürfen‘ sie nicht fühlen, dass das, was die Eltern da tun, nicht in Ordnung ist“, erklärt die Expertin. „Also müssen sie davon ausgehen, dass sie nicht wertvoll genug sind, um beschützt zu werden, und dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Sie geben sich selbst die Schuld an dem, was passiert ist.“
Die Folge, die sich auch im Erwachsenenleben bemerkbar macht? Desorganisierte haben nie gelernt, „welche Strategien funktionieren, um sich wirklich sicher und behütet zu fühlen“. Außerdem fehlt ihnen das Vertrauen in andere Menschen – und das Vertrauen in sich selbst. „Deshalb passiert es auch, dass sie sich als Erwachsene widersprüchlich verhalten“, so Birgit Fehst.
Übrigens: Der desorganisierte Bindungsstil hängt auch oft mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zusammen. „Nicht alle Desorganisierten werden zu Borderlinern, aber ein Kind mit diesem Bindungstyp kann sich leicht zu einem Erwachsenen mit dieser Störung entwickeln. […] Desorganisierte müssen aber nicht so extrem sein, sie kommen auch in weit weniger dramatischen Formen vor“, fasst die Paartherapeutin zusammen.
Wie wirkt sich desorganisierte Bindung auf Beziehungen aus?
Beziehungen, in denen eine Person ein desorganisierte Bindung hat, entwickeln sich laut Birgit Fehst oft zu einem „toxischen Auf und Ab“. Wie genau sich der Bindungsstil zeigt, kann allerdings sehr individuell sein. „Eine kleine Minderheit der Desorganisierten kann auch extrem vermeidend sein und Nähe gar nicht erst zulassen“, sagt die Expertin. „Die meisten wollen durchaus eine Beziehung, aber durch die starken emotionalen Reaktionen ist das manchmal eben nicht so einfach.“ Hinzukommt, dass sich Desorganisierte häufiger als andere Bindungstypen Partner*innen suchen, die narzisstische und missbräuchliche Verhaltensweisen an den Tag legen. „Es ist das, was sie kennen – aber eben das Gegenteil von dem, was sie eigentlich dringend bräuchten.“
Genauso individuell sei es auch, ob eine Beziehung mit einem desorganisierten Bindungsstil funktioniert. „In der nicht so extremen Form auf jeden Fall, mit Extremen wird es (wie so oft) schwieriger“, so Birgit Fehst. „Wichtig ist es, als Partner bei der Wahrheit zu bleiben, selbst kleine Lügen können verheerende Auswirkungen haben. Ebenso wichtig ist ein konsistentes Verhalten, das nicht noch mehr zur Verwirrung beiträgt. Auch Desorganisierte möchten geliebt werden und brauchen ganz viel Sicherheit, um das, zumindest, soweit es geht, annehmen zu können.“
Was tun, wenn man einen desorganisierten Bindungsstil hat?
Erkennst du dich in mehreren dieser Anzeichen wieder, solltest du das als Chance zur Selbstreflexion und Entwicklung sehen – denn diese Erkenntnis zu machen, ist der wichtigste Schritt, um etwas zu verändern. „Wenn du dich im desorganisierten Bindungsstil wiedererkannt hast, dann ist es auf jeden Fall sinnvoll, eine Therapie zur Stabilisierung des Selbstwerts und zur Regulation des Nervensystems zu beginnen, auch wenn das Desorganisierte nicht so stark ausgeprägt ist wie bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung“, sagt Birgit Fehst. „Du kannst lernen, bessere Strategien zu entwickeln, wenn du getriggert wirst, und du kannst auch lernen, mehr Vertrauen in dich und andere zu entwickeln.“ Weitere Infos und Tipps findest du in Birgit Fehsts Buch, das du zum Beispiel hier bei Amazon kaufen kannst:
Vergiss nicht: Dein Bindungsstil ist nicht deine Schuld, aber du hast die Macht, daran zu arbeiten und zu wachsen. Sei geduldig und mitfühlend mit dir selbst!